WINGS OF HOPE Berufsqualifizierung
„Versöhnung durch Berufsausbildung“
in Bosnien-Herzegowina (BiH)

Die Auswirkungen des jugoslawischen
Bürgerkrieges (1992-1995) prägen bis
heute das Land: alle Volksgruppen
(Bosniaken, Serben und Kroaten) sind
Kriegsopfer. Der gegenseitige Vertrauens-
verlust ist allgegenwärtig. Für einen
Großteil der Bosniaken (bosnische
Muslime) bedeutet der Krieg aber auch
Völkermord. Das Massaker von Srebrenica
vom 11.07.1995 erinnert daran.

Etwa 200.000 Zivilisten, meist Frauen und
Kinder, verloren während des Krieges ihr
Leben. Mehr als die Hälfte der Bevöl-
 
kerung, ca. 2,2 Millionen Menschen, wurden aus ihren Heimatdörfern und Heimat-
städten vertrieben. Viele flüchteten und verließen das Land oder sind nur teils
zurückgekehrt; oft konnten sie nicht in ihre Heimatorte zurück.

Der Dayton Vertrag (1995) hat den Staat Bosnien-Herzegowina politisch und
administrativ geordnet und die verschiedenen Regionen des Landes – und damit
auch die ethnische Verteilung – neu festgelegt. Der Aufbau einer demokratischen
Zivilgesellschaft war das wichtigste Ziel nach dem Krieg; die internationalen
Bemühungen, Impulse für den Wiederaufbau der Volkswirtschaft zu geben, waren
jedoch nur mäßig erfolgreich.


   
Versöhnung und Zusammenarbeit der
Volksgruppen ist weiterhin schwierig


Die Zentralregierung hat ihren Sitz in
Sarajewo. Die bosnisch-kroatische Fö-
deration BuH (mit Sitz in Sarajewo und
Mostar) und die serbische Republik
Srpska  (mit Sitz in Banja Luca) bilden
zwei Entitäten. Sowohl der staatliche
Ministerrat von Bosnien-Herzegowina, als
auch die 13 verschiedenen Unter-
regierungen mit Distrikt Brcko (davon 10
Kantone) setzen sich aus den jeweils
gewählten Vertretern der drei Ethnien
zusammen.

Die Arbeitslosigkeit im Land beträgt ca.
40%; bei jungen Erwachsenen liegt sie bei
 
mindestens 60%. Trotzdem ist der Wille, Verbesserungen zu schaffen und Erfolg zu
haben, ungebrochen. Davon konnten sich drei Stiftungsrätinnen der LLstiftung  bei
einer BiH-Seminarreise der Robert Bosch Stiftung zum Besuch sozialer Projekte und
medizinischer Einrichtungen im Oktober 2008 überzeugen.


   
Wings of Hope – Flügel der Hoffnung

Die Stiftung Wings of Hope Deutschland
mit Sitz in München wurde Anfang 2003
mit Hilfe der Evangelisch-Lutherischen
Kirche in Bayern gegründet. „Flügel der
Hoffnung“ für die verwundeten Seelen der
Kinder in Kriegs- und Krisengebiete;
„Schmetterlinge leben kurz“ nannte ein
kleines Mädchen ihr Bild, das der Stiftung
ihren Namen gab.

Die therapeutische Arbeit mit Kindern und
Jugendlichen in Bosnien wurde schon in
1994 aufgenommen. Viele Kinder und
Jugendliche kannten ihr Land nur zerstört
und sind Sozialwaisen: posttraumatische
Störungen, Armut und Perspektivlosigkeit
 
kennzeichnen ihr Leben.

Mit dem Geschäftsführer und Trauma-Therapeuten, Diakon Peter Klentzan, ist Wings
of Hope D
eutschland auch im Irak, aber vor allem in Palästina tätig. Dort arbeitet er
traumatherapeutisch mit Kindern und Jugendlichen und qualifiziert Lehrer und Ärzte
in diesem Bereich.


   

Therapeutische Hilfe für trauma-
tisierte Kinder und Jugendliche

„Die gesamte Arbeit von Wings of Hope an
den individuellen und kollektiven Traumata
von Kindern, Jugendlichen und ihren
Familien dient der nachhaltigen Stabi-
lisierung und Demokratisierung der Ge-
sellschaft in Bosnien-Herzegowina ...“
(Zitat aus dem Projektantrag).

Tätigkeitsfelder von Wings of Hope und seinem bosnischen Partnerverein sind

  • psychosoziale Betreuung und
    therapeutische Angebote
    für
    Kinder, Jugendliche und ihre
    Familien; in Schulen, Einrichtungen
    und in einem Therapiezentrum in Sarajewo.
 
  • Jährliche, multi-ethnische Feriencamps und Friedensseminare in Bosnien-
    Herzegowina und in Bayern, um Vorurteile und Hass abzubauen, den
    "Anderen“ zu entdecken... und um junge Multiplikatoren heranzubilden.    


   
Betriebliche Ausbildung schafft Perspektiven

„Hilfe zur Selbsthilfe“ hieß das Pilotprojekt
von Wings of Hope Deutschland zur
Etablierung einer beruflichen Ausbildung
für benachteiligte, arbeitslose Jugend-
liche, die ohne berufliche Perspektive die
staatliche Mittelschule absolviert hatten;
das Projekt wurde mit Unterstützung der
Louis Leitz Stiftung und der Robert Bosch
Stiftung
in den Jahren 2005 – 2008
realisiert. In dieser ersten Phase, aufge-
baut und koordiniert vom Projektleiter
Vladimir Jeric, haben 85 sozial benach-
teiligte und arbeitslose junge Erwachsene
eine ein- bis zweijährige praktische
Berufsausbildung in kleinen oder mittel-
 
ständischen Betrieben erhalten.

Die berufsbegleitende Ausbildung fand in ausgesuchten, qualifizierten Lehrbetrieben
statt. In Zusammenarbeit mit lokalen und staatlichen Organisationen (Arbeits-
agenturen und Sozialämter) wurden die teilnehmenden Jugendlichen ausgewählt.
Fast immer konnten die Azubis anschließend von den Betrieben in feste Arbeits-
verhältnisse übernommen werden.


   
Ein integratives Konzept zur Qualifizierung und Stabilisierung

„Versöhnung durch Berufsausbildung“ will
Impulsgeber sein für die Verbesserung der
praktischen beruflichen Ausbildung
während oder nach der Mittelschule. Die
allmähliche Einführung von Ausbildungs-
standards für handwerkliche Berufe in
Bosnien-Herzegowina ist das überge-
ordnete Ziel. Das Projekt wird seit Anfang
2009 vom Auswärtigen Amt aus Mitteln
des „Stabilitätspakt für Südosteuropa“
gefördert.In acht Leuchtturmregionen sind
innerhalb eines Jahres 82 arbeitslose
Jugendliche und junge Erwachsene in 29
Lehrbetriebe übernommen worden. Bis
zum Jahre 2011 sollen es ca. 250 junge
 
Erwachsene sein, die eine praktische Berufsausbildung erworben haben. Die Auszu-
bildenden verpflichten sich in individuellen Ausbildungsverträgen (Ausbildungsdauer
bis zu 24 Monaten), ihre betriebliche Qualifizierung zu erreichen. Dafür erhalten sie
eine für Bosnien-Herzegowina angemessene Vergütung in konvertiblen Mark (KM),
die EUR 200 entspricht.


   

Berufliche Schulen erweitern das
Projekt


Zusätzlich wurden nun zwei gut ausge-
stattete berufliche Mittelschulen in den
Fachgebieten Landwirtschaft und Er-
nährung
(in Banja Luca, Republik Srpska)
sowie Maschinenbau und Elektrotechnik
(in Zepce bei Zenica) für das Projekt ge-
wonnen, die für ca. 130 Jugendliche auch
eine praktische Ausbildung anbieten.
Die zwei hierfür zuständigen Bildungs-
ministerien waren von Anfang an mit ein-
bezogen; durch das Kooperationsprojekt
konnte auch die technische Ausrüstung
an beiden Schulen aufgewertet oder
erweitert werden.

 

Daneben ist eine bis dahin äußerst ungewöhnliche Kooperation zwischen der gut
ausgestatteten katholischen
Berufsschule „Don Bosco“ (hauptsächlich Kroaten) und
der gegenüber liegenden staatlichen Mittelschule (hauptsächlich Bosniaken) verein-
bart worden. Diese Zusammenarbeit der beiden Schulen bedeutet einen großen
Schritt in Richtung verbesserter Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche „aller
Ethnien und Religionen“.



   
Ein Projektbeirat vernetzt die Akteure

Vladimir Jeric, ehemaliger Generalkonsul
von Bosnien-Herzegowina in München, ist
es gelungen, ausgezeichnete Netzwerke
und Kooperationen zu schaffen unter
Einbeziehung staatlicher Partner. Der
Projektbeirat trifft sich seit 2006 ca. zwei
Mal pro Jahr und besteht aus 8-13
Mitgliedern. Ihm gehören Vertreter der
örtlichen Arbeitsagenturen, Sozialämter,
Handwerkskammern und Bildungs-
agenturen sowie Unternehmer/innen an.

Aufgabe des Projektbeirats ist es, die
erstmalige Qualifizierung der beruflichen
Ausbildung durch Austausch und Zusam-
menarbeit zu erreichen. Vor allem im
 
Handwerk, aber auch im Handel und Dienstleistungsbereich, können durch eine
berufliche Ausbildung Arbeitsplätze geschaffen werden, die den Jugendlichen und
jungen Erwachsenen wirtschaftliche Perspektiven und ein selbstbestimmtes Leben
ermöglichen. Im September 2009 überzeugte sich die Projektpatin der LLstiftung
davon - anlässlich einer Beirats-Sitzung in Nova Bila (unweit von Travnik) und
einigen Besuchen in teilnehmenden Lehrbetrieben.                         

Die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen und die Entwicklung von beruf-
lichen Bildungsstandards sind ein wirkungsvoller Beitrag zum schrittweisen, nach-
haltigen Aufbau von Strukturen und zur wirtschaftlichen und politischen Stabili-
sierung des Landes; nicht zuletzt wird hiermit auch die Toleranz zwischen den ver-
schiedenen Ethnien gelebt.


Warum gerade WINGS OF HOPE?

„Ich glaube an dieses osteuropäische Ausbildungsprojekt,weil
  • eine Demokratisierung und Aussöhnung der bosnischen Gesellschaft nur über
    die heranwachsenden Generationen erfolgen kann;
  • Kinder und Jugendliche ein Recht auf eine gute Ausbildung und die Hoffnung
    auf eine bessere Zukunft haben;
  • Deutschland und Europa ein ureigenes Interesse daran haben sollten, dass
    dieses Land nicht als „Armenhaus“ abgeschrieben und ausgeschlossen wird,
    was früher oder später zu  Konflikten in dieser sensiblen Vielvölker-Region
    führen wird.
Die heranwachsenden Generationen in Bosnien-Herzegowina brauchen insbesondere
von den europäischen Nachbarn weiterhin Unterstützung zur Verbesserung ihrer
beruflichen Perspektiven und ihrer Lebensverhältnisse. Ausbildung und Arbeit gibt
ihnen das Handwerkszeug für ein selbstbestimmtes Leben in die Hand.“

Heidi Palm
Projektpatin WINGS OF HOPE

PS:
Mehr Information unter www.wings-of-hope.de