LESEBRÜCKE „Türkisch“
Ich bau‘ Dir eine Lesebrücke
Gelin bir „edebiyat köprüsü“ kuralim


In Stuttgart hat mehr als jedes zweite
Kind einen Migrationshintergrund. In vielen
Migranten-Familien beherrschen die Kinder
jedoch weder die Muttersprache noch die
Umgebungssprache Deutsch. Über 60%
der Migrantenkinder müssen wegen der
frühen Schulzuweisung (und oft nicht
möglicher Hilfe von zu Hause) nach der
Grundschule in die Hauptschule wechseln.
Sie werden damit ihrer gleichwertigen
Bildungschancen in Deutschland beraubt.

Die Förderung einer lebendigen, mutter-
sprachlichen Erzähl- und Vorlesekultur ist
 
Vorsorge und Voraussetzung zugleich für eine harmonische Bildungsbiographie. Sie
beginnt in der Familie und in der Kita. Gefördert werden das interkulturelle Verständ-
nis, Vielfältigkeit, die gegenseitige kulturspezifische Wahrnehmung, der lebendige
Austausch untereinander und das Lernen voneinander. Lange wurde nicht erkannt,
dass Mehrsprachigkeit eine Chance darstellt für Kinder aus Zuwanderer-Familien.


   
Warum muttersprachliche Sprach- und Leseförderung?

Vorlesen in türkisch-sprachiger Kinder-
literatur ermöglicht es Kindern mit
Migrationshintergrund im Vorschulalter ihre
Kompetenz in der Familiensprache zu
stärken. Durch Singen, Vorlesen, Zuhören
und muttersprachliche Kinderbücher wird
die Kommunikations- und Lesekultur
allgemein, sowie indirekt auch die Sprach-
kompetenz in der Umgebungssprache
Deutsch gefördert. Verfügt ein Kind in
seiner Muttersprache über ausgebildete
Sprachstrukturen, so kann es die Zweit-
sprache erfolgreich und schneller lernen.
Ein möglichst frühzeitiger Spracherwerb
spielt dabei eine wichtige Rolle, wie die
 
Hirn- und Kleinkindforschung gezeigt haben.


   
Vier Thesen zur LESEBRÜCKE

Die LESEBRÜCKE will für die Kinder aus
Zuwanderer-Familien einen integrativen
Beitrag für einen erfolgreichen „Übergang
Kita – Schule“ leisten und deren Bildungs-
chancen verbessern.
  • Vorlesen ist der erste Schritt zur
    Lese- und Sprachförderung;
  • Die Kommunikation in der Mutter-
    sprache ist die Schlüsselquali-
    fikation für den Erwerb der
    Umgebungssprache;
  • Das Erlernen der deutschen
    Sprache beginnt mit der Pflege und
    Wertschätzung der Familien-
    sprache;
 
  • Eltern werden von ihren Kindern motiviert, auch zu Hause vorzulesen – sie
    sind als die wichtigste Bezugspersonen aktiv mit einbezogen.


   
Erfolgsmodell „Leseohren aufge-
klappt“


2002 initiierte die Breuninger Stiftung in
Kooperation mit der Stadtbücherei und
dem Literaturhaus Stuttgart das Stutt-
garter Vorleseprojekt „Leseohrenaufge-
 
klappt“. Es war die Antwort auf die mangelnde Lesekompetenz von SchülerInnen in
Deutschland, die in der „PISA Vergleichsstudie 2001“ ihren Niederschlag fand.

Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes wird in 63% der Familien in
Deutschland nicht vorgelesen; die Neugier auf Geschichten und der Spaß am Lesen
im Elternhaus nicht geweckt. Seit 2004 führt Leseohren e.V. dieses erfolgreiche
Vorleseprojekt mit seinen Kooperationspartnern fort – inzwischen sind fast 300
ehrenamtliche, deutsche Vorlesepatinnen im Einsatz. Das zentrale Anliegen ist die
individuelle Lese- und Sprachförderung in kleinen Gruppen für Vor- und Grundschul-
kinder, um sie besser auf die Schule vorzubereiten.


   
Pilotprojekt „Ich bau´Dir eine Lesebrücke“

Das muttersprachliche Pilotprojekt wurde
von Leseohren e.V. und der Stadt-
bücherei
im Jahr 2004 aufgesetzt, für ein
knappes Jahr gefördert von der Landes-
stiftung Baden-Württemberg
. Die interne
Evaluierung der LESEBRÜCKE  zeigte, dass
sowohl die Kinder mit Migrations-
hintergrund (türkisch und russisch) wie
auch ihre Eltern und die Einrichtungen
(zwei städtische Kitas, zwei Grund-
schulen, zwei Kinderbibliotheken) von den
Erfahrungen dieses integrativen Ansatzes
zur mehrsprachlichen Förderung der Kinder
profitierten und eine Fortsetzung
wünschten.
 
 
Ziel der Fördermaßnahme LESEBRÜCKE „Türkisch“ in zur Zeit elf Tageseinrichtungen
und einer Kinderbücherei (Stand Februar´10) ist es, den bedeutenden Stellenwert
der Muttersprache stärker im Bewusstsein der ErzieherInnen, der türkisch-
stämmigen Familien und der Öffentlichkeit zu verankern. Kooperationspartner sind
die Stadtbücherei, der dort angesiedelte Verein Leseohren e.V. und das Jugendamt
der Stadt Stuttgart (verantwortlich für Kindertagesstätten).


   
Ehrenamtliche türkische VorlesepatInnen

Die LESEBRÜCKE „Türkisch“ konnte ab
März 2008 – finanziert von der Louis Leitz
Stiftung
- in fünf städtischen Kinder-
tageseinrichtungen von den Kooperations-
partnern erprobt werden. Nach dem
erfolgreichen ersten Jahr wird inzwischen
ca. 180 Kindern in 11 städtische Kinder
Tagesstätten einmal die Woche vorgelesen.

Die Vorleser/innen leisten einen groß-
artigen Beitrag zur „Integration“. Die
Erfahrung hat gezeigt, dass sie oft zu
kulturellen Mittlerinnen zwischen
Erzieherinnen, Eltern und Kindern werden.
 
Der Flyer Lesebrücke stellt das Konzept in beiden Sprachen vor und wirbt für
LesepatInnen.
 
 
Deutsch-Türkische Kontaktperson und Koordination

Eine hoch engagierte, türkische Kontakt-
person akquiriert und koordiniert die ca.
15 ehrenamtlichen Lesepaten und Lese-
patinnen. Sie unterstützt und motiviert
sie, an Qualifizierungsangeboten und am
Einführungsworkshop teilzunehmen, die
der Verein Leseohren e.V. regelmäßig für
seine deutschen und türkischen Lese-
paten anbietet.

Als Gesprächs- und Ansprechpartnerin
kümmert sie sich um das gute deutsch-
türkische Zusammenspiel. Zum Beispiel bei
den „Elterncafés“, um das gegenseitige
Kennenlernen, die interkulturelle Ver-
 
ständigung und den Austausch zwischen VorlesepatInnen, ErzieherInnen, Kita-
LeiterIn und Eltern voranzubringen; dort können dann auch Mütter als Vorleserinnen
gewonnen werden.

Sie besucht die Einrichtungen regelmäßig, trifft und begleitet die am Projekt
Beteiligten. Mit ihrem türkisch-deutschen Hintergrund ist sie eine geborene „Kultur-
Dolmetscherin“, die den Dialog aller Akteure fördert.
 
 
Wirksamkeit und Ergebnisse des Vorlesens

Die VorlesepatInnen kommen einmal
wöchentlich für ein bis zwei Stunden in
die an der LESEBRÜCKE „Türkisch“
beteiligten städtischen Kindertages-
einrichtungen. Mit „ihren“ Kindern singen,
spielen und lesen sie in kleinen Gruppen.
Viele der 3-5jährigen Kinder haben einen
nur geringen Wortschatz und kennen
kaum Lieder und Verse in ihrer Mutter-
sprache.

Während der Vorlesestunden erfahren die
Kinder individuelle Zuwendung, Geborgen-
heit und Anerkennung; Wertschätzung in
und für ihre Muttersprache und Kultur.
 
Schon nach wenigen Monaten zeigen sie deutliche Fortschritte im Spracherwerb und
sind stolz darauf. Einige bringen die beim Vorlesen und Spielen erlebten Bücher und
Anregungen mit nach Hause und motivieren so auch ihre Eltern zum Vorlesen und zu
mehr sprachlicher Achtsamkeit. In verschiedenen Kinderbüchereien und in der
Stadtbibliothek findet am Wochenende und mittwochs muttersprachliches Vorlesen
für Kinder und Eltern statt.


Warum gerade LESEBRÜCKE?

Vorsorge ist besser Nachsorge… Rechtzeitig die Voraussetzungen für einen ge-
lungenen Bildungsverlauf zu schaffen, das ist eine Verantwortung, der wir, die
Kommune und unser Bildungssystem, sich stellen müssen. Wenn aus benachteiligten
Kindern benachteiligte Jugendliche werden mit Schul- und Sprachschwierigkeiten,
haben sie keine Chance auf dem Ausbildungs-und Arbeitsmarkt.

Elternhäuser, die wenig sprachliche und schulische Hilfestellung leisten können,
brauchen bessere individuelle Unterstützung für ihre Kinder. Potentiale frühzeitig
entdecken und entwickeln, fördern und  „Stärken stärken“: das muss das
pädagogisches Anliegen von Kita und Schule sein. Damit Kinder Selbstvertrauen in
ihre Fähigkeiten erleben und Jugendliche ihren Platz in der Gesellschaft finden.


Margit Leitz
Projektpatin LESEBRÜCKE


PS: Mehr Information unter www.leseohren-aufgeklappt.de